Eine neue Studie in der Fachzeitschrift One Earth kommt zu dem Ergebnis, dass in vielen Landschaften Europas Klimaschutz, Klimaanpassung und Biodiversität gestärkt werden können – mit einem nur geringen sozioökonomischen Risiko. Grundlage der Studie ist ein neu entwickeltes Konzept zur Bewertung von „climate-smart Rewilding” (klimafreundliche Wiederverwilderung).

Climate-smart Rewilding knüpft an die Grundidee des Rewildings an, der Natur mehr Raum zu geben und natürliche Prozesse wiederherzustellen. Dazu gehören auch Maßnahmen, die Vorteile für Klima und Gesellschaft berücksichtigen, sogenannte Ökosystemleistungen.

Die Forscherinnen und Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und des EU-Horizon-Projekts WildE fanden regionale Unterschiede und Stärken.

Laut der Studie weisen Ost- und Südeuropa die höchste Gesamteignung für climate-smart Rewilding auf, während nördliche Regionen sich besonders durch ihr Potenzial für Klimaanpassung auszeichnen. Teile Osteuropas bieten ein hohes Klimaschutzpotenzial während Westeuropas Potenzial durch Landschaftszerschneidung eingeschränkt ist.

„Climate-smart Rewilding vereint Ökosystemwiederherstellung und Klimaschutz – zwei dringende Prioritäten der EU, die nicht immer im gleichen Tempo voranschreiten“, erklärt Erstautor Dr. Gavin Stark von iDiv und der MLU. „Unser Ziel war es, einen Ansatz zu entwickeln, der nicht nur die natürliche Wiederherstellung von Ökosystemen fördert, sondern gleichzeitig Klimaschutz, Klimaanpassung und gesellschaftlichen Nutzen integriert – ein echter Mehrwert für Natur und Mensch.“

Beispielsweise können landwirtschaftliche Brachflächen in einigen Ländern die Biodiversität und die Kohlenstoffspeicherung fördern – eine sogenannte Ökosystemleistung. Gleichzeitig kann dies das Risiko von Waldbränden erhöhen. Das Beispiel verdeutlicht, wie Klimavorteile mit ökologischen und wirtschaftlichen Zielkonflikten verknüpft sein können. Eine mögliche  climate-smart-Rewilding-Maßnahme besteht darin, die Vegetation durch natürliche oder landwirtschaftliche Beweidung zu steuern. Beide Ansätze können die Ansammlung Waldbrand-fördernder Biomasse reduzieren.

Zwischen Menschen, Klima und Biodiversität vermitteln

Es ist bekannt, dass Strategien mit Schwerpunkt auf Kohlenstoffspeicherung den Schutz der Biodiversität in den Hintergrund drängen können und Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität mitunter keine schnell spürbares Klimawirkungen bringen. Schnellwachsende Monokulturwälder etwa können Kohlenstoff schneller speichern als artenreiche Wälder, bieten jedoch deutlich weniger Lebensraum für Pflanzen- und Tierarten.

Das Konzept des climate-smart Rewildings hilft, verschiedene Ziele miteinander in Einklang zu bringen – es zeigt auf, wo sie sich gegenseitig verstärken und wo gezielte Maßnahmen notwendig sind, um sie gemeinsam verfolgen zu können.

Ein weiteres Beispiel aus der Studie identifiziert Konnektivitäts-Hotspots in den baltischen Staaten, Finnland und Teilen Schwedens, in denen die Wiederherstellung ökologischer Korridore – die es Tieren ermöglichen, dem Klimawandel zu folgen – sowohl die Biodiversität als auch die Klimaanpassung unterstützen könnte. Gleichzeitig ist eine sorgfältige Planung erforderlich, um diese Maßnahmen mit landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen oder regionalen Entwicklungsinteressen in Einklang zu bringen.

„Das Konzept vermittelt ein klareres Bild davon, wie sich Vorteile in unterschiedlichen Ökosystemen erzielen lassen und gleichzeitig die Menschen unterstützt werden, die von ihnen abhängen – und wie ambitioniertere Naturschutzziele erreicht werden können“, erklärt Seniorautor Prof. Henrique Pereira von der MLU und iDiv. „Es hilft Praktikerinnen und Praktikern sowie Entscheidungsträgern zu erkennen, welche Maßnahmen in den richtigen Regionen die größte Wirkung entfalten können.“

Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass die Aussagekraft des Konzeptes stets kontextabhängig ist und Anpassungen an regionale und lokale Bedingungen erfordert. Zudem könne es nur begrenzt berücksichtigen inwieweit zukünftige politische und gesellschaftliche Veränderungen die Risikowahrnehmung oder die Eignung bestimmter Gebiete verändern.

Das Konzept und die räumlichen Ergebnisse sind über die WildE-Website, den WildE Knowledge Hub und das EBV Data Portal zugänglich. Alle Daten und Codes zur Reproduktion der Karten werden zudem bald auf Zenodo verfügbar sein. Damit erhalten Praktiker, Forschende, politische Entscheidungsträger und Landbewirtschafter die Möglichkeit, regionale Chancen zu erkunden, die Analysen an eigene Planungskontexte anzupassen und das Konzept auf weitere Fragen des Schutzes und der Wiederherstellung von Ökosystemen anzuwenden.

 

Originalpublikation

(Forscherinnen und Forscher mit iDiv-Zugehörigkeit sind fett gedruckt)

Stark, G., Weissgerber, M., Fernández, N., Quintero-Uribe, L. C., Giergiczny, M., Poulsen, N. R., Villar, N., Mols, B., Bakker, E. S., Smith, A. M., Winkel, G., Alagador, D., Rey-Benayas, J. M., Espelta, J. M., Selwyn, M., Brotons, L., Kluvankova, T., Brnkalakova, S., Kloibhofer, J., Prestele, R., Smith, H. G., Lázaro-González, A., Buitenwerf, R., Pearce, E. A., Svenning, J.-C., Santana, J., Beja, P., Moreira, F., Wunder, S., Svoboda, M., Vancura, V., Arneth, A., Hampe, A., & Pereira, H. M. (2026). Towards Climate-Smart Rewilding: An Integrated Framework for Biodiversity, Climate Change, and Society. One Earth. DOI: https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101704

Kontakt

Dr. Gavin Stark
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Telefon: +49 341 9739225
E-Mail: gavin.stark@idiv.de

Dr. Henrique Pereira
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 9733137
E-Mail: henrique.pereira@idiv.de

Christine Coester
Impact Unit
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 97 33197
E-Mail: christine.coester@idiv.de

Der Iberische Luchs (Lynx pardinus) ist eine Schlüsselart, die auf der Iberischen Halbinsel heimisch ist und besonders in Andalusien vorkommt.

Schnell wachsende Monokulturwälder können zwar kurzfristig mehr Kohlenstoff speichern, unterstützen jedoch deutlich weniger Pflanzen- und Tierarten. Daher sind sie als Maßnahme weniger ideal: Sie tragen zwar zu Klimazielen bei, vernachlässigen jedoch den Schutz und die Förderung der Biodiversität.

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