Wie werden sich Vogelpopulationen unter veränderten Klima- und Landnutzungsbedingungen entwickeln? Und welche Rolle spielen Verhalten und Kultur von Menschenaffen für den Schutz der biologischen Vielfalt? Mit „BirdFutures“ und „Tierverhalten und Naturschutz“ starten gleich zwei neue Juniorforschungsgruppen am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Sie erforschen unterschiedliche Dimensionen des Biodiversitätswandels und des Naturschutzes.

Der Verlust der biologischen Vielfalt stellt Wissenschaft, Politik und Naturschutz vor komplexe Herausforderungen. Um Optionen für wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln, müssen Forschende nicht nur Veränderungen von Arten und Populationen erfassen, sondern auch besser verstehen, welche Folgen menschliche Eingriffe und Umweltveränderungen haben können. Zwei neue Juniorforschungsgruppen bei iDiv widmen sich diesen Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Juniorforschungsgruppe „BirdFutures“ unter der Leitung von Dr. Tatiane Micheletti, die sowohl am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) als auch bei iDiv forscht, untersucht, wie sich Vogelbestände unter verschiedenen Klima- und Landnutzungsszenarien entwickeln könnten. Die Gruppe ist Teil des Forschungsprojekts TripleBird, das gemeinsam vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) sowie weiteren Partnern, darunter iDiv und die Universität Potsdam, umgesetzt wird.

Mit Szenarien in die Zukunft der Vogelwelt blicken

Vögel gehören zu den am besten dokumentierten Tiergruppen. Für viele Arten liegen langfristige Daten zu ihren Beständen, Verbreitungsgebieten und ökologischen Merkmalen vor. TripleBird führt diese Daten mit Klima-, Umwelt- und Landnutzungsdaten zusammen, um Veränderungen der Biodiversität räumlich und zeitlich besser zu erfassen und zu bewerten und Anwendungen für verschiedene gesellschaftliche Bereiche zu entwickeln.

BirdFutures soll dafür Szenarien entwickeln, mit denen sich untersuchen lässt, wie sich verschiedene Maßnahmen auf Vogelbestände auswirken, und so zu informierten politischen Entscheidungen in diesem Bereich beitragen. So können beispielsweise Veränderungen der Landnutzung und des Klimas durchgespielt werden. Welche Folgen hätte eine Extensivierung von Agrarflächen? Wie würden sich mehr Brachen oder Heckenstrukturen auf Vogelarten auswirken?

Die Modelle sollen dabei helfen, die möglichen Auswirkungen verschiedener Maßnahmen und Managementstrategien auf die Biodiversität zu vergleichen und zu bewerten. Damit könnten sie künftig eine Grundlage für Entscheidungen im Naturschutz, in Behörden und der Politik bilden.

„Für mich ist Naturschutzforschung dann am stärksten, wenn sie nicht nur die Vergangenheit beschreibt, sondern auch bei der Gestaltung der Zukunft hilft. Wir haben Zugriff auf unglaubliche Langzeit-Monitoringdaten zu Vögeln, aber diese Daten sind oft nicht mit den Entscheidungen verknüpft, die tagtäglich von Politik und Behörden getroffen werden“, sagt Tatiane Micheletti. „Mir liegt es sehr am Herzen, genau diese Lücke zu schließen. Mit BirdFutures nutzen wir ökologische Modelle, um komplexe Daten in klare, evidenzbasierte Szenarien zu übersetzen. Diese zeigen, welche Folgen Maßnahmen haben könnten, bevor sie in umgesetzt werden. Statt zurückzuschauen wollen wir vorausschauen.“

Tierverhalten als Dimension der Biodiversität

Einen anderen, bislang im Naturschutz weniger stark berücksichtigten Aspekt der biologischen Vielfalt untersucht die neue Juniorforschungsgruppe „Tierverhalten und Naturschutz“ unter der Leitung von Dr. Erin Wessling, die am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und bei iDiv forscht. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Verhalten und Kultur von Tieren zur Biodiversität und der Lebensdauer von Arten beitragen und wie diese Aspekte stärker in Naturschutzplanung und -praxis einbezogen werden können.

Die Gruppe betrachtet Verhalten und Verhaltensflexibilität als Anpassungen und damit als Dimensionen der Biodiversität. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Verhalten und der Kultur von Menschenaffen, vor allem Schimpansen und Bonobos.

Ziel ist es, Verhalten und Kultur von Tieren dort, wo es für den Schutz relevant ist, systematischer zu erfassen und in praktische Entscheidungen einzubeziehen. Dazu arbeitet die Forschungsgruppe eng mit Akteurinnen und Akteuren aus dem Naturschutz zusammen. Untersucht wird unter anderem, wie Verhaltensdaten in die räumliche Planung integriert, Tierkulturen in das Biodiversitätsmonitoring einbezogen und verschiedene Managementoptionen bewertet werden können.

Ein konkretes Beispiel: In einem Schutzgebiet stellen Verantwortliche möglicherweise fest, dass die dort lebenden Schimpansen ein seltenes Verhalten zeigen, das bislang nirgendwo sonst beobachtet wurde. Dieses Verhalten könnte als schützenswert angesehen werden – doch wie lässt es sich konkret bewahren? Reicht es aus, die Schimpansen und ihren Lebensraum zu schützen, oder sind weitere Maßnahmen erforderlich, um das Verhalten selbst zu erhalten? Und wie lässt sich beobachten, wo es im Schutzgebiet auftritt und wie es sich im Laufe der Zeit verändert? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Forschungsgruppe.

Langfristige Forschungsplattformen, darunter Projekte zur Verhaltensökologie von Bonobos im Kongobecken (BonDiv) und westlichen Schimpansen in einer Savannen-Mosaiklandschaft (Moyen-Bafing Chimpanzee Project), bieten der Gruppe unterschiedliche Systeme, um diese Fragen zu untersuchen und praxisorientierte Ansätze zu erproben.

„Wir setzen uns seit einigen Jahren dafür ein, dass Verhaltensweisen als Bestandteil der biologischen Vielfalt sowie für die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit von Arten berücksichtigt werden. Und allmählich finden Verhalten und verschiedene Maßstäbe zunehmend Anerkennung – auch auf globaler Ebene im Naturschutz, beispielsweise innerhalb der IUCN. Es gibt zahlreiche praktische und empirische Beispiele dafür, dass dies für einen erfolgreichen Naturschutz zentral ist, doch bislang wurden Verhaltensweisen – insbesondere kulturelle Aspekte – im angewandten Naturschutz relativ wenig beachtet,” sagt Erin Wessling. „Nun beginnt also die eigentliche Arbeit, herauszufinden, wie sich dieses Anliegen konkret im Naturschutz umsetzen lässt.”

Neue Perspektiven auf Biodiversität und Naturschutz

Die beiden neuen Juniorforschungsgruppen erweitern die Forschung bei iDiv um unterschiedliche Perspektiven auf die Zukunft der Biodiversität. Gemeinsam ist beiden Forschungsgruppen das Ziel, neue wissenschaftliche Erkenntnisse für praktische Entscheidungen und einen wirksamen Schutz der biologischen Vielfalt nutzbar zu machen.

„Mit Tatiane Micheletti und Erin Wessling haben wir für iDiv zwei exzellente Forscherinnen gewinnen können, die die Zukunft der integrativen Biodiversitätsforschung mitprägen werden. Ihre Juniorforschungsgruppen ergänzen iDivs Profil der integrativen Biodiversitätsforschung und dienen unserer Mission, die wissenschaftlichen Grundlagen für den Schutz und die nachhaltige Nutzung unserer Biodiversität zu legen“, sagt Prof. Dr. Martin Quaas, Wissenschaftlicher Geschäftsführer von iDiv.

Ansprechpersonen

Dr. Tatiane Micheletti
Juniorforschungsgruppe BirdFutures
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 9733238
E-Mail: tatiane.micheletti@idiv.de

Dr. Erin Wessling
Juniorforschungsgruppe Tierverhalten und Naturschutz
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
E-Mail: erin.wessling@idiv.de

Kati Kietzmann
Public Relations
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 97 39222
E-Mail: kati.kietzmann@idiv.de