Angesichts des Klimawandels hängt der Schutz wildlebender Tiere zunehmend davon ab, wie gut Schutzgebiete miteinander verbunden sind. Eine neue Studie, veröffentlicht in Conservation Letters, zeigt, wo in Europa vergleichsweise stabile Klimabedingungen und gute Wandermöglichkeiten für Tieren zusammentreffen – und wo Lücken im Schutzgebietsnetzwerk den Naturschutz erschweren könnten.

Die Forschenden untersuchten die klimatische Stabilität von 78.793 Schutzgebieten in Europa. Für 10.908 dieser Gebiete analysierten sie zudem anhand von zehn großen Säugetierarten, wie gut sie miteinander vernetzt sind. Dabei zeigten sich deutliche regionale Unterschiede: Insbesondere Gebirgsregionen vereinen vergleichsweise stabile Klimabedingungen mit guten potenziellen Verbindungen zwischen Schutzgebieten.

Viele Tieflandregionen in West- und Mitteleuropa stehen dagegen vor einer doppelten Herausforderung: Das Klima verändert sich dort voraussichtlich schnell, während die Wandermöglichkeiten für Wildtiere begrenzt sind. Neben der Eignung der Lebensräume und natürlichen oder menschengemachten Hindernissen berücksichtigte die Studie auch den Energieaufwand, den Tiere bei der Fortbewegung im Gelände benötigen.

So konnten Forschende des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersuchen, wie stabil die klimatischen Bedingungen in Schutzgebieten voraussichtlich bleiben und wie gut große Säugetiere die umliegenden Landschaften durchqueren können.

„Bestehende Schutzgebiete sind nicht automatisch für die Zukunft gerüstet – insbesondere dann nicht, wenn man berücksichtigt, wie viel Energie Tiere benötigen, um sich durch unterschiedliches Gelände zu bewegen“, erklärt Erstautor Dr. Gavin Stark von iDiv und der MLU.

Wie lange bleiben die klimatischen Bedingungen erhalten?

Um abzuschätzen, wie lange in Schutzgebieten die heutigen Temperaturbedingungen erhalten bleiben, berechneten die Forschenden die sogenannte klimatische Verweildauer. Sie gibt an, wie lange bestimmte Temperaturbedingungen voraussichtlich noch innerhalb des Gebiets vorkommen, bevor sie sich infolge des Klimawandels über dessen Grenzen hinaus verschieben. Dabei fließen sowohl die Größe des Gebiets als auch die Geschwindigkeit ein, mit der sich bestimmte Temperaturbedingungen räumlich verlagern.

Die Forschenden verglichen die Temperatur im Referenzzeitraum 1981 bis 2010 mit Klimaprojektionen bis 2070, denen ein Szenario mit hohen Treibhausgasemissionen zugrunde liegt. Dabei zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede: In Deutschland lag der Median der geschätzten klimatischen Verweildauer bei 0,9 Jahren, in Polen bei 0,55 Jahren. In Portugal betrug er dagegen 11,8 Jahre, in Griechenland 16,2 Jahre.
Um die Vernetzung der Schutzgebiete möglichst realistisch zu bewerten, berücksichtigten die Forschenden auch den Energieaufwand für die Fortbewegung. So können beispielsweise steile Hänge die Wanderung erschweren, während Straßen und andere Barrieren mögliche Routen unterbrechen.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen nach Einschätzung der Forschenden kleine Schutzgebiete, in denen sich die klimatischen Bedingungen voraussichtlich schnell verändern – vor allem dann, wenn auch die umliegende Landschaft die Wanderung von Tieren erschwert.

Regionale Unterschiede erfordern unterschiedliche Lösungen

Montenegro, Albanien sowie Bosnien und Herzegowina wiesen insgesamt längere klimatische Verweildauern und eine bessere potenzielle Vernetzung der Schutzgebiete auf. Auch zahlreiche Gebirgsregionen – darunter das Skandinavische Gebirge, die Pyrenäen, das Kantabrische Gebirge, die Alpen, der Apennin, die Dinariden, das Balkangebirge und die Karpaten – vereinten vergleichsweise stabile Klimabedingungen mit guten Wandermöglichkeiten für Tiere.

In den Tieflandregionen West- und Mitteleuropas, darunter weite Teile Deutschlands, Großbritanniens und Irlands, ist die Situation dagegen schwieriger: Hier dürften sich die klimatischen Bedingungen schnell verändern, während Tiere nur begrenzte Möglichkeiten haben, geeignete Lebensräume zu erreichen.

Ein anderes Bild zeigt sich in Finnland, Estland und Lettland. Dort waren die Schutzgebiete potenziell vergleichsweise gut vernetzt. Allerdings dürften sich die heutigen Klimabedingungen auch hier relativ schnell verändern. Gute Wandermöglichkeiten allein gewährleisten somit nicht, dass Tiere geeignete klimatische Bedingungen vorfinden.

Auch zwischen den untersuchten Tiergruppen zeigten sich Unterschiede: Für Fleischfresser waren die potenziellen Wanderkorridore im Allgemeinen schmaler und stärker unterbrochen als für Pflanzenfresser. Letzteren standen breitere und weniger stark auf einzelne Korridore beschränkte Wandermöglichkeiten offen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Topographie. In flachen Landschaften müssen Tiere unter Umständen große Entfernungen zurücklegen, um Gebiete mit ähnlichen Klimabedingungen zu erreichen. Im Gebirge können sich die Temperaturen dagegen bereits auf kurzen Strecken mit zunehmender Höhe deutlich verändern. Vergleichbare Klimabedingungen lassen sich dort deshalb häufig über kürzere Wege erreichen.

Als rückzugsräume können Gebirge jedoch nur dienen, wenn Tiere sie auch erreichen können. Deshalb sind Vorgebirge, Übergangszonen und angrenzende Landschaften besonders wichtig, um Tieflandregionen mit höher gelegenen Gebieten zu verbinden.

„Um die Anpassung an den Klimawandel zu ermöglichen, dürfen wir Schutzgebiete nicht länger isoliert betrachten. Wir müssen zusammenhängende Lebensraumsysteme schaffen und herausfinden, wo bestehende Verbindungen geschützt werden sollten und wo wir durch die Wiederherstellung von Wanderkorridoren neue Wege für Tiere eröffnen können“, sagt Seniorautor Prof. Dr. Henrique Pereira von der MLU und iDiv.
Der entwickelte Ansatz kann nach Einschätzung der Forschenden helfen, Gebiete zu identifizieren, in denen bestehende Verbindungen erhalten, Lebensräume wiederhergestellt und Wanderungshindernisse beseitigt werden sollten. Welche Maßnahmen Vorrang haben, muss dabei von den örtlichen Gegebenheiten ab.

Originalpublikation

(Forscherinnen und Forscher mit iDiv-Zugehörigkeit sind fett gedruckt)

Stark, G., Dertien, J., Poulsen, N. R., Berti, E., Mármol Guijarro, A. C., Weissgerber, M., Fernández, N., & Pereira, H. M. (2026). Energetic constraints reshape climate-tracking opportunities for large mammals across European protected-area networks. Conservation Letters. DOI: 10.1111/con4.70094

Kontakt

Dr Gavin Stark
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Telefon: +49 341 9739225
E-Mail: gavin.stark@idiv.de

Prof Dr Henrique Pereira
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 9733137
E-Mail: henrique.pereira@idiv.de

Christine Coester
Abteilung Impact
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig – iDiv
Telefon: +49 341 97 33197
E-Mail: christine.coester@idiv.de

Vorgebirge, Übergangszonen und angrenzende Landschaften sind besonders wichtig, um Tieflandregionen mit höher gelegenen Gebieten zu verbinden.

Um die Vernetzung der Schutzgebiete möglichst realistisch zu bewerten, berücksichtigten die Forschenden auch den Energieaufwand für die Fortbewegung.

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