24.04.2020 | sDiv, TOP NEWS, Medienmitteilung, Biodiversitätssynthese

Bislang umfassendste Studie bestätigt Rückgang landlebender Insekten, zeigt aber Erholungen bei Süßwasserinsekten

Die weltweite Zahl landlebender Insekten ist in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. (Bild: Gabriele Rada)

Die weltweite Zahl landlebender Insekten ist in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. (Bild: Gabriele Rada)

Anders als landlebende Insekten haben ans S&uuml;&szlig;wasser gebundene Insekten zugenommen. Grund k&ouml;nnten Gew&auml;sserschutzma&szlig;nahmen sein. Das Foto zeigt sich paarende Gemeine Wasserl&auml;ufer (<em>Gerris lacustris</em>).&nbsp; (Bild: Oliver Thier)

Anders als landlebende Insekten haben ans Süßwasser gebundene Insekten zugenommen. Grund könnten Gewässerschutzmaßnahmen sein. Das Foto zeigt sich paarende Gemeine Wasserläufer (Gerris lacustris).  (Bild: Oliver Thier)

Viele Insekten erf&uuml;llen wichtige Funktionen in unseren &Ouml;kosystemen, z. B. die Best&auml;ubung von Wild- und Kulturpflanzen. Das Foto zeigt eine Geh&ouml;rnte Mauerbiene (<em>Osmia cornuta</em>). (Bild: Gabriele Rada)

Viele Insekten erfüllen wichtige Funktionen in unseren Ökosystemen, z. B. die Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen. Das Foto zeigt eine Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta). (Bild: Gabriele Rada)

Ver&auml;nderungen der lokalen Insektenzahlen f&uuml;r landlebende und S&uuml;&szlig;wasser-Insekten. Violette Punkte bedeuten Abnahmen, gr&uuml;ne Punkte Zunahmen.&nbsp; (Bild: Roel van Klink. Angepasst von van Klink et al. (2020), Science. Mit Genehmigung von AAAS.)

Veränderungen der lokalen Insektenzahlen für landlebende und Süßwasser-Insekten. Violette Punkte bedeuten Abnahmen, grüne Punkte Zunahmen.  (Bild: Roel van Klink. Angepasst von van Klink et al. (2020), Science. Mit Genehmigung von AAAS.)

Weltweit sehr unterschiedliche lokale Trends

Leipzig. Eine Analyse weltweiter Langzeitstudien zeigt, dass die Zahl landlebender Insekten zurückgeht. Sie sank im Schnitt um 0,92 % pro Jahr, was einem Rückgang von 24 % über 30 Jahre entspricht. Gleichzeitig stieg die Zahl der an Süßwasser gebundenen Insekten wie Libellen und Köcherfliegen um 1,08 % pro Jahr. Dies könnte die Folge von Gewässerschutzmaßnahmen sein. 
Diesen durchschnittlichen, globalen Trends stehen sehr unterschiedliche Entwicklungen vor Ort gegenüber. Dabei scheinen menschliche Einflüsse die Trends zu verstärken. Zu diesen Ergebnissen kommt die bislang umfassendste Meta-Analyse von Insektenbeständen an 1676 Orten weltweit. Die Studie wurde von Forschern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) geleitet und ist in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Science erschienen. Sie schließt wichtige Wissenslücken im Kontext des viel diskutierten „Insektensterbens“. 

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, die einen dramatischen Insekten-Rückgang zeigen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt eine Studie aus Naturschutzgebieten im Raum Krefeld. Diese fand einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten von mehr als 75 % über 27 Jahre. Die 2017 veröffentlichte Studie befeuerte Diskussionen über das Phänomen des „Insektensterbens“. Seitdem wurden weitere Studien zur Entwicklung von Insektenbeständen an verschiedenen Orten weltweit veröffentlicht. Die meisten zeigten starke, andere leichte Rückgänge, und einige sogar leichte Zunahmen. Doch bislang wurden die weltweit verfügbaren Daten nicht zusammengefügt um festzustellen, wie verbreitet und wie stark der Rückgang der Insekten tatsächlich ist. Bis jetzt. 

Bislang umfassendste Datensammlung 

Ein internationales Forscherteam stellte Daten aus 166 Langzeitstudien an weltweit 1676 Orten zusammen, um Veränderungen der Insektenzahlen (Individuen, nicht Arten) zu untersuchen. Diese Daten wurden im Zeitraum zwischen 1925 und 2018 erhoben. Die komplexe Analyse offenbarte große Unterschiede in den lokalen Trends – selbst zwischen nahe gelegenen Orten. So gab es in Ländern mit vielen Langzeitstudien wie Deutschland, Großbritannien oder den USA sowohl Orte mit Rückgängen als auch Orte mit wenig Veränderungen oder sogar Zunahmen. 
Im globalen Durchschnitt gingen landlebende Insekten wie Schmetterlinge, Heuschrecken oder Ameisen um 0,92 % pro Jahr zurück.

Insekten verschwinden leise

Erstautor Dr. Roel van Klink, der bei iDiv und der UL forscht, sagt: “0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierung über 75 Jahre. Der Rückzug der Insekten findet leise statt – in nur einem Jahr bemerken wir das nicht. Es ist wie wenn man an den Ort zurückkehrt, wo man aufgewachsen ist. Nur wenn man jahrelang nicht dort war, bemerkt man, wie viel sich tatsächlich verändert hat – leider oft zum Schlechteren.”

Die Insekten-Rückgänge waren in Teilen der USA sowie in Europa, insbesondere in Deutschland, am stärksten. In Europa verstärkten sich die negativen Trends in den letzten Jahren – die größten Rückgänge wurden seit 2005 beobachtet.

Weniger Insekten in der Luft

Beim Thema “Insektensterben” wird oft angeführt, dass heute weniger tote Insekten an Auto-Windschutzscheiben kleben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Letztautor Prof. Jonathan Chase, Wissenschaftler bei iDiv und der MLU, sagt dazu: “Viele Insekten fliegen – das sind dann die, die von Windschutzscheiben und Kühlergrills erschlagen werden. Wir konnten zeigen, dass fliegende Insekten im Schnitt tatsächlich weniger geworden sind. Aber die meisten Insekten sind nicht augenfällig und leben im Verborgenen – im Boden, in Baumwipfeln oder im Wasser.“

Für die neue Studie untersuchten die Forscher auch Daten zu vielen dieser verborgenen Lebensräume. Es stellte sich heraus, dass heute weniger Insekten in Bodennähe leben als früher – ähnlich wie in der Luft. Im Gegensatz dazu blieb die Zahl der Insekten, die in Bäumen leben, im Schnitt unverändert.

Erholung bei Süßwasserinsekten

Gleichzeitig stieg die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise im Wasser verbringen wie Libellen, Wasserläufer und Köcherfliegen, im Durchschnitt um 1,08 % pro Jahr. Das entspricht 38 % über einen Zeitraum von 30 Jahren. Jonathan Chase hält das für ein gutes Zeichen: „Die Zahlen zeigen, dass wir die negativen Trends umkehren können. In den letzten 50 Jahren wurde weltweit viel getan, um verschmutze Flüsse und Seen wieder zu säubern. Dadurch haben sich möglicherweise viele Populationen von Süßwasserinsekten erholt. Das stimmt zuversichtlich, dass wir die Trends auch bei Populationen umkehren können, die momentan zurückgehen.“

Roel van Klink fügt hinzu: “Insektenpopulationen sind wie Holzscheite, die unter Wasser gedrückt werden. Sie streben nach oben, während wir sie immer weiter nach unten drücken. Aber wir können den Druck reduzieren, so dass sie wieder auftauchen. Die Süßwasserinsekten haben gezeigt, dass das möglich ist. Es ist allerdings nicht immer leicht, die Ursachen für die Rückgänge und somit die effektivsten Gegenmaßnahmen auszumachen. Diese können auch von Ort zu Ort anders aussehen.”

Keine einfachen Lösungen

Ann Swengel, Co-Autorin der Studie, erforscht seit 34 Jahren die Schmetterlingspopulationen an Hunderten Orten in den USA. Sie betont, wie komplex die beobachteten Trends sind: „Wir verzeichnen starke Rückgänge, auch an vielen geschützten Orten. Aber wir haben auch beobachtet, dass es Schmetterlingen an einigen Standorten gut geht. Es braucht Jahre und viele Daten um sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge zu verstehen, Art für Art und Ort für Ort. Vieles liegt außerhalb des Einflussbereiches eines Einzelnen, aber es zählt wirklich jede Entscheidung, die wir für jeden Standort treffen.“

Lebensraumzerstörung wahrscheinlicher Grund für Rückgänge 

Obwohl die Forscher nicht mit Sicherheit die Ursachen für die verschiedenen Trends – positive wie negative – benennen können, fanden Sie in den Daten doch entsprechende Hinweise. Insbesondere scheint die Zerstörung natürlicher Lebensräume – vor allem durch Verstädterung – landlebende Insekten zurückzudrängen. Andere Berichte, wie das „Globale Assessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES§, weisen ebenfalls darauf hin, dass die veränderte Landnutzung und die Zerstörung von Lebensräumen Hauptursachen sind für weltweite Veränderungen der biologischen Vielfalt.

Die neue Studie ist die aktuell umfassendste ihrer Art – ermöglicht durch iDiv’s Synthesezentrum sDiv und gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie gibt Einblicke in die weltweite Situation der Insekten und zeigt, wo ihr Schutz am dringendsten ist. 


§IPBES = Intergovernmental Science-Policy Panel on Biodiversity and Ecosystem Services



Original-Publikation:
(Wissenschaftler mit iDiv-Affiliation fett)

Roel van Klink, Diana E. Bowler, Konstantin B. Gongalsky, Ann B. Swengel, Alessandro Gentile and Jonathan M. Chase (2020) Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances. Science, 368(6489) DOI: 10.1126/science.aax9931

 


Weiterführende Informationen:

Medienmitteilung zur sogenannten Krefeld-Studie, die in dieser Medienmitteilung erwähnt wird (auf Englisch): 
https://www.ru.nl/english/news-agenda/news/vm/iwwr/2017/three-quarters-total-insect-population-lost/

Das „Globale Assessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES, das in dieser Medienmitteilung erwähnt wird: 
https://www.ufz.de/export/data/2/228053_IPBES-Factsheet_2-Auflage.pdf

Ein iDiv-Policy-Brief fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Studie zusammen und präsentiert Handlungsempfehlungen zum Insektenschutz:
https://www.idiv.de/fileadmin/content/Files_Science-Policy/iDiv_PolicyBrief01_20_Insekten.pdf

 

 

Ansprechpartner:

Dr. Roel van Klink (spricht Deutsch, Englisch und Niederländisch)
Postdoktorand am Synthesezentrum sDiv
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: + 49 1520 3117216
E-Mail: roel.klink@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/788.html

 

Prof. Jonathan Chase (spricht Englisch)
Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätssynthese
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
E-Mail: jonathan.chase@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/35.html

 

Dr. Volker Hahn
Abteilung Medien und Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 97 33154
E-Mail: volker.hahn@idiv.de
Web: www.idiv.de/medien

 

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