09.12.2019 | Medienmitteilung, Biodiversität und Naturschutz, TOP NEWS, Forschung, sDiv, iDiv

Städtewachstum verursacht stärksten Verlust der biologischen Vielfalt außerhalb der Städte

Zunehmende Urbanisierung und die damit einhergehende Umwandlung nat&uuml;rlicher Lebensr&auml;ume in Stadtgebiete f&uuml;hren zu einem deutlichen Verlust der nat&uuml;rlichen Vielfalt.<strong> </strong> (Bild: allemii / Pixabay)

Zunehmende Urbanisierung und die damit einhergehende Umwandlung natürlicher Lebensräume in Stadtgebiete führen zu einem deutlichen Verlust der natürlichen Vielfalt. (Bild: allemii / Pixabay)

Konzeptuelle Darstellung der direkten und indirekten Auswirkungen des St&auml;dtewachstum. (Bild: Nature Sustainability)

Konzeptuelle Darstellung der direkten und indirekten Auswirkungen des Städtewachstum. (Bild: Nature Sustainability)

Prognostizierte direkten Auswirkungen des St&auml;dtewachstums auf Lebensr&auml;ume (2000-2030). (Bild: Nature Sustainability)

Prognostizierte direkten Auswirkungen des Städtewachstums auf Lebensräume (2000-2030). (Bild: Nature Sustainability)

Wissenschaftler untersuchen direkte und indirekte Auswirkungen des Städtewachstums weltweit.

Leipzig/Halle/Arlington. Die zunehmende Urbanisierung und die damit einhergehende Umwandlung natürlicher Lebensräume in Stadtgebiete führen in Städten zu einem deutlichen Verlust der natürlichen Vielfalt. Doch diese direkten Folgen des Städtewachstumes sind anscheinend weitaus geringer als die indirekten Auswirkungen außerhalb der Städte. Dazu gehören die Freisetzung von Treibhausgasen in den Städten, die weltweit zu einer Veränderung des Klimas führen, oder der zunehmende Bedarf an Lebensmitteln und anderen Ressourcen, der eine veränderte Landnutzung zur Folge hat. Sowohl Klima- als auch Landnutzungswandel sind wesentliche Gründe für den weltweiten Verlust der Artenvielfalt. Ein Forscherteam der Naturschutzorganisation The Nature Conservancy (TNC), des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und anderer Forschungseinrichtungen hat die direkten und indirekten Auswirkungen des Städtewachstums auf globaler Ebene untersucht. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin Nature Sustainability veröffentlicht.

Nie ist das Städtewachstum so schnell vorangeschritten wie in der heutigen Zeit – Prognosen zufolge wird die urbane Bevölkerung bis 2030 um 2 Milliarden Menschen anwachsen. Dies entspräche der Entstehung einer Stadt der Größe New Yorks alle 6 Wochen. Doch was wissen Wissenschaftler überhaupt darüber, wie sich das Städtewachstum auf die biologische Vielfalt auswirkt – und was nicht? Um diese Frage zu beantworten haben Wissenschaftler mehr als 900 Studien untersucht. Die Arbeit des internationalen Forscherteams wurde vom Synthesezentrum sDiv am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) finanziert.

Die Forscher fanden heraus, dass sich die direkten Auswirkungen von Städten auf die natürlichen Lebensräume und die biologische Vielfalt mithilfe von Satellitendaten deutlich abbilden lassen. Solche direkten Folgen treten auf, wenn sich urbane Gebiete ausdehnen und natürliche Lebensräume in Städte umgewandelt werden. Zusammengenommen sind diese direkten Auswirkungen beträchtlich: Prognosen gehen für den Zeitraum von 2000 bis 2030 von 290.000 km² Land aus, das zum Stadtgebiet umgewandelt wird. Dies entspricht einer Fläche, die größer als das Vereinigte Königreich ist. Vor allem in artenreichen Gegenden wie China, Brasilien und Nigeria sind die Auswirkungen des Städtewachstums auf die Natur beträchtlich. Daraus resultiert ein starker Verlust der natürlichen Vielfalt, denn weltweit ist der Artenreichtum (Anzahl der Arten) in Städten um durchschnittlich 50 % geringer als in intakten naturbelassenen Gegenden.

Allerdings sind die indirekten Folgen des Städtewachstums wahrscheinlich weitaus schwerwiegender als die direkten. Indirekte Folgen schließen die Auswirkungen des Ressourcenverbrauchs in Städten auf die biologische Vielfalt ein sowie die Schadstoffbelastung aufgrund der Urbanisierung. Die Forscher schätzen, dass allein die Fläche, die zur Ernährung der städtischen Bevölkerung weltweit nötig ist, 36-mal größer ist als die Stadtgebiete selbst. „Mit anderen Worten: Die Ernährung der Städter hat weitaus größere Folgen für die globale biologische Vielfalt als die direkten Auswirkungen der Urbanisierung auf die Umwelt“, sagt Dr. Andressa Vianna Mansur, die bei iDiv forscht. Ähnliche Schlussfolgerungen lassen sich für andere indirekte Auswirkungen treffen – wie die Rolle von Treibhausgasemissionen in den Städten beim Voranschreiten des Klimawandels.

Bisher hat sich die Wissenschaft vor allem mit den direkten Auswirkungen der Urbanisierung in konkreten Städten oder Gebieten beschäftigt: Von den 900 Studien untersuchen mehr als 600 die direkten Auswirkungen des Städtewachstums. Doch zu den Regionen, in denen anhand von Satellitendaten ein besonders starkes Wachstum der Stadtgebiete zu erkennen ist, liegen nur wenige Untersuchungen vor. „Die meisten Studien finden sich in den Industrieländern, wie in den USA oder der EU. Vergleichsweise wenige Publikationen behandeln die Entwicklungsländer, wo sich die Städte aber am schnellsten in artenreiche Gebiete ausdehnen“, meint Erstautor Dr. Robert McDonald, der bei der Naturschutzorganisation The Nature Conservancy (TNC) als Wissenschaftler tätig ist. „Aus diesem Grund wissen wir nur wenig darüber, wie sich Ökosysteme in diesen Regionen aufgrund der Urbanisierung verändern.“

Anders als die direkten Auswirkungen sind die indirekten Auswirkungen des Städtewachstums relativ wenig erforscht: Nur 34 % aller Studien zum urbanen Einfluss auf die biologische Vielfalt berücksichtigen die indirekten Folgen. „Man kann auch sagen: Wir verwenden doppelt so viel Energie dafür, die direkten Auswirkungen zu untersuchen, obwohl die indirekten viel weitreichender zu sein scheinen“, so Robert McDonald.

Diese Wissenslücke könnte sich auch auf die politische Entscheidungsfindung auswirken: „Die geringe Datenlage zum Verlust der biologischen Vielfalt aufgrund der Urbanisierung in Ländern mit mittlerem und geringem Einkommen könnte in der Politik dazu führen, dass das Thema unterschätzt wird“, meint Prof. Henrique Pereira, der eine Forschungsgruppe bei iDiv und an der MLU leitet. Darüber hinaus gibt es nur wenig Erkenntnisse darüber, wie sich bestimmte sozioökonomische Prozesse in den Entwicklungsländern auf die biologische Vielfalt auswirken, zum Beispiel die Bildung informeller Siedlungen (Slums). „Nur wenn wir diese Forschungslücke schließen, können wir auch kluge und fundierte Entscheidungen treffen, wie wir die biologische Vielfalt in einer zunehmend urbanisierten Welt schützen können.“

 

Originalpublikation:
(iDiv-Wissenschaftler fett)
Robert I McDonald, Andressa V Mansur, Fernando Ascensão, M’Lisa Colbert, Katie Crossman, Thomas Elmqvist, Andrew Gonzalez, Burak Güneralp, Dagmar Haase, Maike Hamann, Oliver Hillel, Kangning Huang, Belinda Kahnt, David Maddox, Andrea Pacheco, Henrique Pereira, Karen C Seto, Rohan Simkin, Brenna Walsh, Alexandra S Werner, Carly Ziter, 2019. Research gaps in knowledge of the impact of urban growth in biodiversity. Nature Sustainability, DOI: 10.1038/s41893-019-0436-6

 

Ansprechpartner:

Dr. Andressa Vianna Mansur
sDiv – Synthesezentrum des
Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 9733176
E-Mail: andressa.vianna_mansur@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/977.html

 

Kati Kietzmann(Deutsch)
Abteilung Medien & Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 9733106
E-Mail: kati.kietzmann@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/kietzmann_kati.html

 

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