13.06.2017 | Medienmitteilung, sDiv, Makroökologie und Gesellschaft, TOP NEWS

Neobiota: Inseln und Küstenregionen am meisten gefährdet

Das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verdrängt in Großbritannien und anderen EU-Staaten das einheimische Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris). Es wurde daher 2016 in die Schwarze Liste der EU („Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung)“ aufgenommen und muss in der Europäischen Union aktiv bekämpft werden. Foto: Tim M. Blackburn, University College London

Der Indische Halsbandsittich (Psittacula krameri manillensis) stammt aus Asien, hat sich aber auch bereits in London etabliert und konkurriert mit Europäischen Vogelarten um Nahrung und Nistplätze. Foto: Tim M. Blackburn, University College London

Durham/Wien/Leipzig. Die Verteilung von Neobiota auf verschiedene Regionen der Erde ist höchst unterschiedlich. Wo sich die globalen Hotspots für eingebürgerte, nicht heimische Arten befinden, war allerdings bislang unklar. Ein internationales Forschungsteam unter der Beteiligung von Marten Winter und Carsten Meyer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig legt nun erstmals eine Analyse dieser Hotspots vor: Demnach finden sich die meisten Neobiota auf Inseln und in Küstenregionen. Die Studie wurde in der renommierten Zeitschrift "Nature Ecology and Evolution" veröffentlicht.


Verursacht durch den Menschen dringen zunehmend Arten in neue Gebiete vor, in denen sie ursprünglich nicht heimisch waren. Die Anzahl eingebürgerter Neobiota ist in verschiedenen Regionen der Erde unterschiedlich groß. Unklar war jedoch bisher, wo global die meisten etablierten Neobiota anzutreffen sind und welche Faktoren deren Verteilung prägen. 

Ein internationales Team aus 25 ForscherInnen unter der Leitung von Wayne Dawson von der Universität Durham in England erstellte eine Datenbank mit den Vorkommen von acht Tier- und Pflanzengruppen (Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien, Fische, Spinnen, Ameisen, Gefäßpflanzen) in einer Region außerhalb ihres Heimatgebiets. Insgesamt wurde die Verbreitung auf 186 Inseln und 423 Regionen auf Kontinenten erfasst. So konnten die WissenschafterInnen zum ersten Mal überhaupt die globale Verteilung von Neobiota in einer großen Anzahl bedeutender Organismengruppen erfassen. 

Wichtigstes Ergebnis: Inseln und Küstenregionen auf Kontinenten weisen die höchsten Zahlen eingebürgerter Neobiota auf. An erster Stelle befinden sich Hawaii, gefolgt von der Nord-Insel von Neuseeland und den kleinen Sunda-Inseln Indonesiens. Die WissenschaftlerInnen untersuchten auch, welche Faktoren entscheidend sind, ob eine Region viele oder wenige eingebürgerte Neobiota aufweist. "Die höhere Zahl an gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten könnte daran liegen, dass diese über große ‚Einfallstore‘ wie Häfen verfügen. Allgemein gibt es in wohlhabenden Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte mehr gebietsfremde Arten. Aber diese Effekte treffen Inseln stärker als Regionen auf den Kontinenten“, sagt Dr. Wayne Dawson von der Durham University in Großbritannien, der die Studie geleitet hat. Diese Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch viele neue Arten in ein Gebiet 'einschleppt'. Die Zerstörung von Lebensräumen begünstigt die Ausbreitung von Neobiota. Inseln und Küstenregionen scheinen daher besonders anfällig zu sein, da sie im globalen Fernhandel eine wichtige Rolle spielen.

Die große Anzahl von Neobiota in vielen Regionen der Erde hat massive Konsequenzen, da einheimische Arten verdrängt und natürliche Lebensräume verändert werden. Dies ist auf Inseln besonders problematisch, da viele der dort heimischen Arten nur auf der Insel selbst vorkommen, und sie daher besonders rasch durch Neobiota verdrängt werden. „Inseln wie Neuseeland und Hawaii sind oft geographisch isoliert und haben evolutionär gesehen einzigartige Floren und Faunen, die auf die vielfältigsten eingeschleppten Arten im Grunde gar nicht vorbereitet waren“, erklärt der Ökologe Marten Winter von iDiv. 

Weltweit gibt es viele Gesetze und Abkommen mit dem Ziel, die Ausbreitung von Neobiota zu reduzieren. “Genau aus diesem Grund ist z.B. in Europa eine Grenzen übergreifende Zusammenarbeit, wie sie jetzt mit der EU-Verordnung zu invasiven Arten begonnen hat, wichtig und notwendig“, meint Winter. Neuseeland hat bereits in den letzten Jahrzehnten umfassende Regelungen erlassen, um die Einschleppung weiterer Neobiota zu verhindern. Und auf kleinen Inseln wurden in den letzten Jahren mehrfach eingeschleppte Räuber wie Ratten und Mäuse erfolgreich ausgerottet. Diese Beispiele zeigen, dass erfolgreiches Handeln möglich ist.  
Publikation in "Nature Ecology and Evolution": W. Dawson, D. Moser, M. van Kleunen, H. Kreft, J. Pergl, P. Pyšek, M. Winter, B. Lenzner, T. Blackburn, E. Dyer, P. Cassey, S. Scrivens, E. Economo, B. Guénard, C. Capinha, H. Seebens, P. Garcia-Diaz, W. Nentwig, E. Garcia-Berthou, C. Casal, N. Mandrák, P. Fuller, C. Meyer, und F. Essl (2017):  "Global hotspots and correlates of alien species richness across taxonomic groups". Nature Ecology and Evolution. Doi: s41559-017-0186
http://nature.com/articles/doi:10.1038/s41559-017-0186
Die Studie wurde gefördert u.a. von der Europäischen Kommission (COST Action TD1209), der Deutschen Forshcungsgemeinschaft (DFG) und der VolkswagenStiftung (Freigeist-Fellowship).

Links:

Pressemitteilung der Universität Wien: https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/neobiota-inseln-und-kuestenregionen-am-meisten-gefaehrdet/
Pressmitteilung der Universität Konstanz: https://idw-online.de/en/news676167
Pressemitteilung der Durham University: https://www.dur.ac.uk/news/newsitem/?itemno=31655

Global Naturalized Alien Flora (GloNAF): https://glonaf.org/


Weitere Infos:

Dr Wayne Dawson
Durham University’s Department of Biosciences
https://www.dur.ac.uk/research/directory/staff/?mode=staff&id=14650%E2%80%9D
und
Mag. Dr. Franz Essl
Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien
http://cvl.univie.ac.at/department/Staff/staff_detail.cfm?Nachname=Essl
sowie
Dr. Marten Winter, Dr. Carsten Meyer
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) & Universität Leipzig
https://www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/winter-marten.html
https://www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/meyer-carsten.html


Medienkontakt:

Durham University Marketing and Communications Office
https://www.dur.ac.uk/marketingandcommunications/media.relations/informationformedia/

und
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
https://medienportal.univie.ac.at/presse/team/
sowie
Dr. Tabea Turrini, Tilo Arnhold
iDiv Medien und Kommunikation
Tel.: +49 341 9733 -106, -1197
https://www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/zentrales_management/medien_und_kommunikation/ansprechpartnerinnen.html




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