26.04.2018 | Nachhaltigkeit und Komplexität der Lebensräume von Menschenaffen, TOP NEWS, Medienmitteilung

Gorillas und Schimpansen: Mehr als erwartet, dennoch gefährdet

Ein Westlicher Flachlandgorilla im Regenwald der Republik Kongo. In einer Studie haben Wissenschaftler &uuml;ber ein Jahrzehnt hinweg im Westlichen &Auml;quatorialafrika Menschenaffen erforscht: den Westlichen Flachlandgorilla (<em>Gorilla gorilla gorilla</em>) und den Zentralafrikanischen Schimpansen (<em>Pan troglodytes troglodytes</em>). Ihre Ergebnisse zeigen, dass es mehr Individuen gibt als bisher gedacht. (Foto: Forrest Hogg/WCS)

Ein Westlicher Flachlandgorilla im Regenwald der Republik Kongo. In einer Studie haben Wissenschaftler über ein Jahrzehnt hinweg im Westlichen Äquatorialafrika Menschenaffen erforscht: den Westlichen Flachlandgorilla (Gorilla gorilla gorilla) und den Zentralafrikanischen Schimpansen (Pan troglodytes troglodytes). Ihre Ergebnisse zeigen, dass es mehr Individuen gibt als bisher gedacht. (Foto: Forrest Hogg/WCS)

Die Studienautoren sch&auml;tzen die Gesamtpopulation f&uuml;r den Zentralafrikanischen Schimpansen, der auf diesem Foto zu sehen ist, auf fast 130,000 Individuen. Das ist um rund ein Zehntel mehr als bisher gedacht. (Foto: Emma Strokes/WCS)

Die Studienautoren schätzen die Gesamtpopulation für den Zentralafrikanischen Schimpansen, der auf diesem Foto zu sehen ist, auf fast 130,000 Individuen. Das ist um rund ein Zehntel mehr als bisher gedacht. (Foto: Emma Strokes/WCS)

Buka, ein Silberr&uuml;cken-Gorilla im Nouabale-Ndoki-Nationalpark in der Republik Kongo. Wissenschaftler sch&auml;tzen nun, dass es mehr als 360,000 frei lebende Westliche Flachlandgorillas gibt. Dies ist etwa ein Drittel mehr als bisher gesch&auml;tzt wurde. Allerdings nimmt die Gr&ouml;&szlig;e der Populationen gleichzeitig um 2,7 Prozent pro Jahr ab. (Foto: Zanne Labuschagne/WCS)

Buka, ein Silberrücken-Gorilla im Nouabale-Ndoki-Nationalpark in der Republik Kongo. Wissenschaftler schätzen nun, dass es mehr als 360,000 frei lebende Westliche Flachlandgorillas gibt. Dies ist etwa ein Drittel mehr als bisher geschätzt wurde. Allerdings nimmt die Größe der Populationen gleichzeitig um 2,7 Prozent pro Jahr ab. (Foto: Zanne Labuschagne/WCS)

Laut einer umfangreichen Studie gibt es mehr Gorillas und Schimpansen als bislang angenommen, allerdings leben 80 Prozent von ihnen außerhalb von sicheren Schutzgebieten

Basierend auf einer Pressemitteilung der Wildlife Conservation Society (WCS):

 

New York/Leipzig. Einer Studie zufolge leben in Afrikas Wäldern schätzungsweise noch immer mehr als 360.000 Gorillas und knapp 130.000 Schimpansen – das sind ein Drittel bzw. ein Zehntel mehr als ursprünglich angenommen. Allerdings leben rund 80 Prozent dieser Menschenaffen außerhalb von Schutzgebieten und der Bestand an Gorillas nimmt jährlich um rund 2,7 Prozent ab. Um die Menschenaffen zu retten, müssen die Wilderei, illegale Rodungen und die Zerstörung des Lebensraumes gestoppt werden. Für die neue Studie haben Natur- und Umweltschützer verschiedener Organisationen und Regierungsbehörden Daten über Populationen des Westlichen Flachlandgorillas und des Zentralafrikanischen Schimpansen gesammelt. Es ist die größte jemals durchgeführte Studie über diese Menschenaffen, die ausschließlich im westlichen Zentralafrika leben. Insgesamt nahm die Feldarbeit 167 Personenjahre in Anspruch; die dabei von den Wissenschaftlern zu Fuß zurückgelegten Wege waren länger als die Nord-Süd-Achse Afrikas. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht und entstand unter der Leitung der Wildlife Conservation Society (WCS). Zu den Autoren zählt Dr. Hjalmar Kühl vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA).

Die umfassende Studie, die sich über ein Jahrzehnt erstreckte, brachte sowohl gute als auch schlechte Neuigkeiten über unsere nächsten Verwandten zutage. Die guten Neuigkeiten: Es gibt ein Drittel mehr Westliche Flachlandgorillas und ein Zehntel mehr Zentralafrikanische Schimpansen als ursprünglich vermutet. Die schlechten Neuigkeiten: Die große Mehrheit dieser Menschenaffen (80 Prozent) lebt außerhalb von Schutzgebieten und die Gorillapopulationen gehen jährlich um 2,7 Prozent zurück.

 

Mehr als zehn Jahre lang sammelten die Forscher zu Fuß Felddaten, sowohl über den Westlichen Flachlandgorilla (Gorilla gorilla gorilla) als auch über den Zentralafrikanischen Schimpansen (Pan troglodytes troglodytes). Dabei untersuchten sie ein Gebiet von rund 192.000 Quadratkilometern (das entspricht etwas mehr als der Hälfte von Deutschland), darunter einige der entlegensten Wälder des afrikanischen Kontinents. Die Autoren der Studie berichten einen geschätzten Bestand von über 360.000 Gorillas und fast 130.000 Schimpansen im gesamten Untersuchungsgebiet. Beide Zahlen sind höher als ursprünglich angenommen. Bei den Gorillas liegt die Schätzung ungefähr ein Drittel und bei den Schimpansen rund ein Zehntel höher. Diese korrigierten Zahlen sind größtenteils das Ergebnis von Verbesserungen der Erhebungsmethodik, neuen Daten aus Gebieten, die bei vorherigen Schätzungen nicht miteinbezogen wurden, sowie Schätzungen über die Zahlen in den zwischen den Untersuchungsgebieten liegenden Arealen. „Es ist eine fantastische Neuigkeit, dass es in den Wäldern im westlichen Zentralafrika immer noch Hunderttausende Gorillas und Schimpansen gibt“, sagt die Hauptautorin der Studie, Samantha Strindberg von der WCS, „dennoch sind wir gleichzeitig auch besorgt, weil so viele dieser Primaten außerhalb von Schutzzonen leben und somit durch Wilderei, Krankheiten sowie Verschlechterung und Verlust ihres Lebensraumes gefährdet sind“.

 

Wenngleich man die Mehrheit der Menschenaffen außerhalb von Schutzzonen fand, leben sie doch in großen Waldlandschaften in der Nähe von bestehenden Nationalparks und Reservaten und abseits der Zentren menschlicher Aktivität. Diese Tatsache legt nahe, dass der Schutz großer und intakter Waldgebiete entscheidend für den Erhalt der Gorillas und Schimpansen in dieser Region ist. Die Analyse der Daten ergab außerdem einen jährlichen Rückgang des Gorillabestands um 2,7 Prozent – ein Resultat, das den fortgesetzten Status der Art als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste der Gefährdeten Tierarten der IUCN rechtfertigt. Schimpansen werden auf dieser Liste als „gefährdet“ eingestuft.

 

Unter den existierenden 14 Arten und Unterarten von Menschenaffen stellen die Westlichen Flachlandgorillas und die Zentralafrikanischen Schimpansen die größten erhaltenen Populationen dar. Ihr künftiger Erhalt kann jedoch nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden, da ihre Abhängigkeit von geeignetem Lebensraum mit der lokalen und globalen Nachfrage nach natürlichen Ressourcen aus ihrem Lebensraum kollidiert. Hjalmar Kühl vom Forschungszentrum iDiv und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erklärt: „Der Schutz unserer Gorillas und Schimpansen erfordert daher eine deutliche Zunahme des politischen Willens auf allen Ebenen: national, regional und global. Daneben sind auch finanzielle Zusagen entscheidend – von Regierungen, internationalen Organisationen sowie aus dem privaten Sektor – um unsere nächsten Verwandten und ihre Lebensräume zu erhalten.“

 

Die Hauptfaktoren für den Rückgang der Gorilla- und Schimpansenpopulationen sind illegale Jagd, Verschlechterung des Lebensraumes und Krankheiten. Gleichzeitig wurde klar, dass dort, wo Wildhüter präsent sind, insbesondere in Schutzzonen mit intakten Wäldern, sowohl Gorillas als auch Schimpansen gut leben können. David Greer vom World Wide Fund for Nature erläutert: „Alle Menschenaffen, sei es in Afrika oder Asien, sind durch Wilderei bedroht, insbesondere wegen des Handels mit Wildfleisch. Unsere Studie hat ergeben, dass Menschenaffen in größerer Sicherheit – und demzufolge auch in größerer Anzahl – in bewachten Arealen leben könnten, als dort, wo sie ungeschützt sind.“

 

Die weiteren Empfehlungen der Autoren zum Schutz der Menschenaffen beinhalten eine Flächennutzungsplanung auf nationaler Ebene. Deren Ziel sollte es sein, in intakten Wäldern und Schutzgebieten die Qualität des Lebensraumes zu erhalten,  etwa indem dort Landwirtschaft oder der Bau neuer Straßen untersagt werden. Eine weitere Priorität ist es, den Holzeinschlag verantwortungsvoll nach den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) zu gestalten, um die Auswirkungen auf Lebensräume und Tiere gering zu halten. Diese Kriterien erfordern, dass der Zugang zu den Wäldern kontrolliert erfolgt, alte Holzabfuhrwege effektiv stillgelegt werden und wirkungsvolle Patrouillensysteme eingeführt werden, um illegale Jagd zu verhindern. Eine weitere Gefahr für Menschenaffen – und die menschliche Gesundheit gleichermaßen – stellt das Ebola-Virus dar. Weitere Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffes ist von vorrangiger Bedeutung, ebenso wie die Aufklärung darüber, wie die Ausbreitung und die Übertragung der Erkrankung zwischen Menschen und Menschenaffen vermieden werden kann.

 

Die insgesamt von allen Forschern vor Ort geleistete Arbeitszeit zur Erhebung der Daten für die Studie belief sich auf rund 61.000 Tage (oder 167 Personenjahre). Die Wissenschaftler legten dabei über 8.700 Kilometer zurück – eine Strecke, die länger ist als die Nord-Süd-Achse des afrikanischen Kontinents oder die Entfernung von New York nach London. Dabei sammelten sie Daten über die Nester von Menschenaffen, anhand derer sie Populationsschätzungen erstellten. „Die Forschungsgruppen und Partnerschaften vor Ort sind entscheidend für den Erfolg dieser Programme und den Erhalt der Gorillas und Schimpansen“, erklärt Co-Autor Dave Morgan vom Lincoln Park Zoo und Goualougo Triangle Ape Project.

 

Die Studie mit dem Titel „Guns, germs and trees determine density and distribution of gorillas and chimpanzees in Western Equatorial Africa“ („Gewehre, Krankheitserreger und Bäume bestimmen die Dichte und Verbreitung von Gorillas und Schimpansen im westlichen Zentralafrika“) erschien in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Science Advances. Die Studie wurde von 54 Co-Autoren aus verschiedenen Organisationen und Regierungsbehörden verfasst, darunter: WCS (Wildlife Conservation Society), World Wide Fund for Nature, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie/Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), Jane Goodall Institute, Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) – Monitoring the Illegal Killing of Elephants (MIKE), Lincoln Park Zoo und die Universitäten von Stirling und Washington. Des Weiteren beteiligt waren die Behörden der Schutzgebiete von fünf Ländern.

 

Ähnliche Medienmitteilung von iDiv und MPI-EVA

Dramatischer Rückgang von Orang-Utans auf Borneo, 06.02.2018:
www.idiv.de/de/news/news_single_view/news_article/up_to_16_per.html

 

Originale Medienmitteilung der Wildlife Conservation Society (WCS)

Massive Study Across Western Equatorial Africa Finds More Gorillas and Chimpanzees Than Expected, but 80% Are Outside the Safe Havens of Protected Areas, 25.04.2018:
newsroom.wcs.org/News-Releases/articleType/ArticleView/articleId/11269/Massive-Study-Across-Western-Equatorial-Africa-Finds-More-Gorillas-and-Chimpanzees-Than-Expected-but-80-Are-Outside-the-Safe-Havens-of-Protected-Areas.aspx

 

Originalpublikation

S. Strindberg; F. Maisels; E.A. Williamson; S. Blake; E.J. Stokes; R. Aba’a; G. Abitsi; A, Agbor; R.D. Ambahe; P.C. Bakabana; M. Bechem; A. Berlemont; B. Bokoto de Semboli; P.R. Boundja; N. Bout; T. Breuer; G. Campbell; P. De Wachter; M. Ella Akou; F. Esono Mba; A.T.C. Feistner; B. Fosso; R. Fotso; D. Greer; C. Inkamba-Nkulu; C.F. Iyenguet; K.J. Jeffery; M. Kokangoye; H.S. Kühl; S. Latour; B. Madzoke; C. Makoumbou; G.A.F. Malanda; R. Malonga; V. Mbolo; D.B. Morgan; P. Motsaba; G. Moukala; B.S. Mowawa; M. Murai; C. Ndzai; T. Nishihara; Z. Nzooh; L. Pintea; A. Pokempner; H.J. Rainey; T. Rayden; H. Ruffler; C.M. Sanz; A. Todd; H. Vanleeuwe; A. Vosper; Y. Warren; and D.S. Wilkie (2018): Guns, germs, and trees determine density and distribution of gorillas and chimpanzees in Western Equatorial Africa. Science Advances, 25 Apr 2018, Vol. 4, no. 4, DOI: 10.1126/sciadv.aar296.

 

Finanzierung

Die Forschungsarbeit wurde finanziert durch: Agence Française de Développement; Arcus Foundation; Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) - Monitoring of the Illegal Killing of Elephants (MIKE); Columbus Zoo and Aquarium; Conservation International and the Margot Marsh Biodiversity Foundation; European Union's Ecosystèmes Forestiers d’Afrique Centrale; European Union's Espèces Phares; Fondation Odzala-Kokoua; Foundation for Environment and Development in Cameroon; Global Environment Facility; Liz Claiborne and Art Ortenberg Foundation; Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie; Spain-United Nations Environment Programme Lifeweb; The Aspinall Foundation; Total (Gabon); United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation's Central Africa World Heritage Forest Initiative; United States Agency for International Development’s Central Africa Regional Program for the Environment (CARPE); U.S. Fish and Wildlife Service (USFWS) Great Ape Conservation Fund, USFWS African Elephant Conservation Fund; Wildlife Conservation Society; World Bank Group; sowie World Wide Fund for Nature Germany, Netherlands, and USA.

 

Ansprechpartner:

Dr. Hjalmar Kühl
Leiter der Forschungsgruppe "Nachhaltigkeit und Komplexität der Lebensräume von Menschenaffen"
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA)
Tel.: +49 341 3550236
E-Mail: kuehl@eva.mpg.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/kuehl_hjalmar.html

 

Dr. Tabea Turrini
Medien und Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 9733106
E-Mail: tabea.turrini@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/turrini_tabea.html

 

Diese Seite teilen:
iDiv ist ein Forschungszentrum derDFG Logo
toTop