13.09.2021 | Biodiversität und Naturschutz, TOP NEWS, Medienmitteilung

Bahnbrechende Methode zur Bewertung des Effektes von Renaturierung

In den letzten zehn Jahren hat sich das Konzept der Rewilding als pragmatischer Weg zur Wiederherstellung natürlicher Prozesse und zur Wiederansiedlung von Wildtieren in europäischen Landschaften erwiesen. (Bild: Staffan Widstrand / Rewilding Europe)

In den letzten zehn Jahren hat sich das Konzept der Rewilding als pragmatischer Weg zur Wiederherstellung natürlicher Prozesse und zur Wiederansiedlung von Wildtieren in europäischen Landschaften erwiesen. (Bild: Staffan Widstrand / Rewilding Europe)

Die neue Methodik, erg&auml;nzt durch datengest&uuml;tzte &Uuml;berwachungstechniken, wird das Verst&auml;ndnis und die &Uuml;berragbarkeit auf gr&ouml;&szlig;ere Einheiten verbessern.<br /><br /> (Bild: Florian Möllers / Rewilding Europe)

Die neue Methodik, ergänzt durch datengestützte Überwachungstechniken, wird das Verständnis und die Überragbarkeit auf größere Einheiten verbessern.

(Bild: Florian Möllers / Rewilding Europe)

Basiert auf der Pressemitteilung von Rewilding Europe

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und von Rewilding Europe haben eine neue Methode zur Bewertung von Fortschritten bei der Wiederherstellung von Naturlandschaften entwickelt. Seine bahnbrechende Anwendung in sieben Einsatzgebieten von Rewilding Europe zeigte sowohl positive Auswirkungen als auch Herausforderungen bei der Ausweitung des Projekts auf. Das praktische Instrument kann dazu beitragen, die Entscheidungsfindung zu unterstützen und die Renaturierung weiter voranzutreiben. Die Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Ecography veröffentlicht.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Renaturierung als unmittelbare, pragmatische, skalierbare und kosteneffiziente Methode zur Wiederherstellung natürlicher Prozesse und zur Wiederansiedlung von Wildtieren in großflächigen europäischen Landschaften erwiesen. Um sicherzustellen, dass das „Rewilding“ weiterwächst und so schnell und effektiv wie möglich ausgeweitet wird, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Wirkungen von Rewilding-Maßnahmen“ so einfach, genau und vergleichbar wie möglich gemessen werden können.

Eine neu entwickelten Methode zur Messung des Fortschritts von Rewilding ist in dieser Hinsicht ein großer Schritt nach vorn. Die von der Doktorandin Josiane Segar und ihren Kollegen von iDiv, MLU und Rewilding Europe in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Institutionen verfasste Publikation beschreibt die erstmalige Anwendung dieser Methodik in sieben Einsatzgebieten von Rewilding Europe. Die Ergebnisse zeigen, dass auf Standortebene ermutigende Fortschritte erzielt wurden, dass es aber auch Herausforderungen bei der Ausweitung gibt.

Von der Theorie zur Praxis

Das neue Papier baut auf einem Artikel auf, der 2018 in der Zeitschrift Philosophical Transactions B veröffentlicht wurde und in dem erstmals ein dreiachsiger Rahmen für die Überwachung von Rewilding vorgestellt wurde. Dieser Rahmen, der von Rewilding Europe mitentwickelt und erforscht wurde, fasst die ökologische Erholung in drei Schlüsselkomponenten zusammen:

  • trophische Komplexität: ein Maß für die Komplexität der Beziehungen in einem Nahrungsnetz
  • zufällige natürliche Störung: verursacht durch natürliche Ereignisse wie Waldbrände oder Überschwemmungen
  • Ausbreitung: Wie einfach es für Arten ist, sich über Landschaften auszubreiten

Im Jahr 2020 wurde dieser Drei-Achsen-Rahmen als Grundlage für die Bewertung der Auswirkungen von Rewilding in sieben der Einsatzgebiete von Rewilding Europe verwendet. Insgesamt wurden 19 Indikatoren (10 für menschliche Eingriffe und neun für die ökologische Gesundheit) ausgewählt, um die ökologischen Auswirkungen der Maßnahmen zur Wiederbegrünung in jeder der drei Komponenten des Rahmens zu messen. Hinzu kam eine sozio-ökologische Komponente. Die Ausgangswerte für jeden dieser Indikatoren, die auf das Jahr festgelegt wurden, in dem die Umwelterneuerung in jedem Gebiet begann, wurden dann mit den Werten im Dezember 2020 verglichen. Anhand der Veränderungen dieser Indikatoren wurde dann für jedes Gebiet eine Gesamtbewertung für den Erfolg der Rewildingmaßnahmen erstellt.

Ein Bewertungsspektrum

Der neue Ansatz zur Überwachung der Auswirkungen brachte einige interessante Ergebnisse hervor. In fünf der acht Gebiete stieg die Bewertung im Laufe der Zeit an, während sie in zwei Gebieten sank (Rhodopen und Velebit-Gebirge). Die fünf Gebiete, in denen sich die Punktzahl erhöht hat, meldeten alle einen Rückgang der Eingriffe des Menschen in die Landschaft, während vier dieser Gebiete auch einen Anstieg der ökologischen Gesundheit meldeten.
Die größte Verbesserung im Laufe der Zeit wurde aus dem Zentralapennin gemeldet, mit einem relativen Anstieg von 47,1 % von 2012 bis 2020 und Verbesserungen bei 14 der 19 Indikatoren. Das Rhodopengebirge verzeichnete mit einer Veränderung von -13 % zwischen 2011 und 2020 den stärksten Rückgang der Werte für die Wiederbewaldung.

Differenzierte Interpretation

Bei den Ergebnissen ist jedoch zu beachten, dass ein negativer Wert für ein landschaftsweites Gebiet nicht bedeutet, dass die Maßnahmen zur Wiederbewaldung an bestimmten, kleineren Standorten in diesem Gebiet keine positiven Auswirkungen haben. Auch die Natur bewegt sich in ihrem eigenen Rhythmus und Zeitrahmen, was bedeutet, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis solche Eingriffe messbare Auswirkungen haben.

„Indem wir unsere neue Methode auf Landschaftsebene angewendet haben, wollten wir das Potenzial für eine Ausweitung der Renaturierung untersuchen“, erklärt Josiane Segar. „Bei diesem ganzheitlichen Ansatz wurden nicht nur die direkten, standortspezifischen Maßnahmen der Teams von Rewilding Europe berücksichtigt, sondern auch die Veränderungen, die außerhalb der Pilotgebiete stattfinden. Einige oder alle dieser Veränderungen können sich der Kontrolle der Rewilding-Teams entziehen.“

Das Rhodopen-Gebiet zum Beispiel ist von einem Trend betroffen, der dazu geführt hat, dass die in den 1990er Jahren begonnene Aufgabe der Bewirtschaftung von Land in jüngster Zeit durch die Subventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) wieder in Richtung landwirtschaftlicher Intensivierung und Zersiedelung zurückgeführt wurde. Das Ergebnis war eine Umwandlung von Grünland und Mosaiken mit hohem Biodiversitätswert in Ackerland sowie eine Zunahme der Viehhaltung und der Weideintensität, was sich beides negativ auf den Fortschritt von Rewilding auswirkt. Um diese Bedrohung auszugleichen, muss die Politik für den ländlichen Raum möglicherweise gezielter ausgerichtet werden, damit die Menschen die sozioökonomischen Vorteile, die das Rewilding bieten kann, besser nutzen können.

Stärken und Schwächen

In der neuen Studie wurden auch die wichtigsten Erfolgs- und Risikofaktoren für Fortschritte bei der Wiederbegrünung zusammengestellt, die auf einer Bewertung durch die Teams der Wiederbegrünungsgebiete basieren.

„Dabei zeigte sich, dass die größten Herausforderungen für Fortschritte bei der Wiederbewaldung mit politischen Maßnahmen zusammenhängen, die die Intensivierung der Landnutzung fördern, wie etwa die GAP, sowie mit der Verfolgung von Schlüsselarten“, so Segar. „Die wichtigsten Faktoren, die den Fortschritt begünstigen, sind dagegen die Attraktivität des Konzepts und die effektive Kommunikation über die Ergebnisse von Rewilding. Die Schaffung neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten und der Aufbau guter Arbeitsbeziehungen zu den Interessengruppen wurden ebenfalls als wichtig eingestuft.“

Vorwärtskommen

Heute wächst das Interesse an Rewilding rasant - bei Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern, Unternehmen und in der Öffentlichkeit. Doch die Anwendung und Ausweitung von Rewilding über die Pilotgebiete hinaus bleibt begrenzt. Das liegt zum Teil an der mangelnden Überwachung, denn die langfristigen Folgen von "Rewilding"-Interaktionen sind immer noch nicht ausreichend bekannt.

„Bislang gab es kaum eine solide wissenschaftliche Bewertung der Frage, ob Rewilding tatsächlich funktioniert“, sagt Henrique Pereira, Professor an der MLU und bei iDiv und Mitautor der neuen Studie. „An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis ist diese neue Studie daher sehr wichtig. Ich erwarte, dass die ihr zugrundeliegende Methodik von vielen anderen Forschern und Rewilding-Praktikern aufgegriffen, angepasst und genutzt wird. Abgesehen von der numerischen Bewertung ist dies ein praktisches Instrument, das wirklich helfen kann, Entscheidungen zu treffen und das Rewilding voranzutreiben.“

Mit der neuen Methodik werden die Auswirkungen der Wiederbegrünung in den von Rewilding Europe betreuten Gebieten nun alle drei bis fünf Jahre gemessen. Sso haben die ökologischen Parameter genügend Zeit, um auf die Maßnahmen zur Wiederbegrünung und das laufende Gebietsmanagement zu reagieren. Zur Ergänzung und Erleichterung der von Experten durchgeführten Bewertung entwickelt das Überwachungsteam von Rewilding Europe derzeit in Zusammenarbeit mit The Nature Conservancy und mehreren Universitäten datengestützte Fernerkundungsansätze für die Überwachung. Dies ist besonders wichtig in Gebieten, in denen bodengestützte Messungen aufgrund von Ressourcenbeschränkungen wahrscheinlich nicht durchführbar sind.

Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen vor allem, dass der Fortschritt und die Ausdehnung der Wiederbegrünung häufig durch Faktoren außerhalb der Wiederbegrünungsgebiete behindert wird. Die Schaffung eines günstigeren Umfelds für die Auswilderung kann daher oft nur durch politische Veränderungen auf nationaler und EU-Ebene erreicht werden.

„Es liegt auf der Hand, dass die Bemühungen um die Auswilderung auf lokaler Ebene bereits erste positive Auswirkungen haben“, sagt Josiane Segar. „Künftige Bemühungen sollten jedoch besser durch politische Maßnahmen und Lobbyarbeit ergänzt werden, wenn Rewilding auf ganze Landschaften ausgedehnt werden soll.“

 

Originalpublikation:
(Wissenschafler mit iDiv-Affiliation fett)

Josiane Segar, Henrique M. Pereira, Raquel Filgueiras, Alexandros A. Karamanlidis, Deli Saavedra & Néstor Fernández (2021): Expert-based assessment of rewilding indicates progress at site-level, yet challenges for upscaling, Ecography, DOI: 10.1111/ecog.05836

Zur Original-Medienmitteilung von Rewilding Europe: https://rewildingeurope.com/news/pioneering-method-of-assessing-rewilding-progress-applied-for-the-first-time/

 

Ansprechpartner:

Josiane Segar
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
E-Mail: josiane.segar@idiv.de

 

Prof. Henrique Miguel Pereira(spricht Englisch, Portugiesisch und etwas Deutsch)
Forschungsgruppenleiter Biodiversität und Naturschutz
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
E-Mail: henrique.pereira@idiv.de

 

Sebastian Tilch
Abteilung Medien und Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 97 33197
E-Mail: sebastian.tilch@idiv.de
Web: www.idiv.de/medien

 

Diese Seite teilen:
iDiv ist ein Forschungszentrum derDFG Logo
toTop