26.09.2019 | Medienmitteilung, TOP NEWS, Biodiversitätsökonomik

Skepsis deutscher Fischer gegenüber EU erschwert Einhaltung der EU-Regelungen

Eine weit verbreitete Verachtung unter den Fischern gegenüber einer strengeren EU-Fischereiverordnung ist gut dokumentiert (Bild: Moritz Drupp)

Eine weit verbreitete Verachtung unter den Fischern gegenüber einer strengeren EU-Fischereiverordnung ist gut dokumentiert (Bild: Moritz Drupp)

Das Autorenteam (v.l.n.r.): Prof. Martin Quaas, Prof. Menusch Khadjavi und Prof. Moritz Drupp (Bild: Stefan Baumgärtner)

Das Autorenteam (v.l.n.r.): Prof. Martin Quaas, Prof. Menusch Khadjavi und Prof. Moritz Drupp (Bild: Stefan Baumgärtner)

Glücksspielexperiment zeigt: Gegenüber einer ungeliebten Regulierungsinstanz nimmt man’s mit der Wahrheit weniger genau.

Leipzig/Hamburg/Kiel: Ein schlechtes Image einer Regulierungsinstanz wie der EU reduziert die Ehrlichkeit der Regulierten, etwa der Fischer. Diese Schlussfolgerung ziehen Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig, der Universität Hamburg und des Kieler Instituts für Weltwirtschaft aus einem Glücksspiel-Experiment mit EU-kritischen Berufsfischern und Brexit-Wählern. Die Erkenntnis hilft unter anderem bei der Einschätzung, wie effektiv EU-Fischereiregelungen sind, die nicht kontrolliert werden. Die Studie, die im European Economic Review erschienen ist, zeigte aber auch: Die Berufsfischer waren ehrlicher als Studenten.

Dass die EU unter deutschen Berufsfischern keinen guten Ruf genießt, belegen viele Umfragen. Welchen Einfluss diese Einstellung auf die Ehrlichkeit, etwa bei der Einhaltung von Regeln hat, war jedoch bisher unklar. Um dies herauszufinden, führten die drei Ökonomen Prof. Martin Quaas (iDiv, Universität Leipzig), Prof. Moritz Drupp (Universität Hamburg) und Prof. Menusch Khadjavi (Kieler Institut für Weltwirtschaft) ein Glücksspiel-Experiment durch.

Alle knapp 900 deutschen Berufsfischer bekamen einen Brief, der eine Umfrage zu ökonomischen Entscheidungen von Fischern ankündigte. Sämtlichen Teilnehmern wurde ein Geldgewinn von bis zu 100 Euro in Aussicht gestellt und zusätzlich wurden 500 Euro verlost. Unter anderem sollten diese dabei viermal eine 1-Euro-Münze werfen und den Wissenschaftlern zurückmelden, wie oft diese ‚Kopf‘ oder ‚Zahl‘ zeigte. Jede ‚Zahl‘ bedeutete einen Gewinn von 5 Euro. Allerdings bekamen nicht alle denselben Brief: Ein Teil der Briefköpfe zeigte nur die Logos der Forschungsinstitutionen, ein anderer Teil zusätzlich das Logo der EU. 120 Fischer beteiligten sich an der Studie.

Statistisch gesehen müsste als häufigstes Ergebnis zweimal ‚Zahl‘ fallen. Keinmal oder viermal ‚Zahl‘ wäre nur selten zu erwarten. In dem Wissen, dass die Angaben nicht kontrolliert werden könnten, machten einige der Teilnehmer erwartungsgemäß falsche Angaben zu ihren Gunsten. So wurde dreimal und viermal ‚Zahl‘ überproportional häufig gemeldet. Allerdings hielten sich im Schnitt immerhin vier von fünf Fischern an die Wahrheit – wenn der Briefkopf nur die Logos der Forschungseinrichtungen enthielt. Dies änderte sich jedoch, wenn in dem Anschreiben auch die Flagge der EU abgebildet war. Fast jeder dritte Fischer antwortete dann unehrlich.

„Die Ergebnisse zeigen klar: Wenn nicht kontrolliert wird, kommt es wesentlich darauf an, welche Einstellung der Regulierte gegenüber der regulierenden Instanz hat – in diesem Fall der EU“, sagt Martin Quaas, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätsökonomik bei iDiv und der Universität Leipzig.

Aktuelle Ressentiments der Fischer gegenüber der EU-Politik erschweren effektive Regelungen

Ehrlichkeit von Fischern spielt in der Praxis eine wesentliche Rolle bei der Einhaltung von Fischereiquoten und dem erst vor kurzem eingeführten Rückwurfverbot der Europäischen Union. Fischer müssen seitdem den gesamten Fang an Land bringen und auf ihre Quote anrechnen – auch unverkäufliche Tiere, die etwa zu klein sind und eigentlich zugunsten der Erhaltung der Bestände nicht gefangen werden sollten. Dies soll selektivere Fangtechniken befördern, denn die Tiere überleben den Fang in der Regel nicht und werden tot wieder ins Meer zurückgeworfen. Dies ist nun verboten, wird bislang allerdings kaum kontrolliert.

„Eine Überwachung würde viel Geld kosten“, sagt Erstautor Moritz Drupp, und Umweltökonom an der Universität Hamburg, der die Studie an der Universität Kiel begann. „Deshalb ist die Frage, wie ehrlich Fischer gegenüber der ungeliebten Kontrollinstanz sind, von wesentlichem Interesse bei der Regulierung öffentlicher Ressourcen wie Meeresfischen.“

Erhöhte Unehrlichkeit bei Misstrauen gegenüber einer Instanz ist verallgemeinerbar

Der Hang zur Unehrlichkeit gegenüber der EU ist allerdings nicht auf die Berufsfischer beschränkt. Dies zeigte der gleiche Münzwurfversuch bei einer weiteren EU-kritischen Gruppe: Den Brexit-Wählern. War der vermeintliche Absender die Europäische Union, wurden auch in dieser Gruppe häufiger unehrliche Ergebnisse zur eigenen Bereicherung gemeldet als wenn dieser Hinweis fehlte. „Daraus schließen wir: Die Unehrlichkeit gegenüber einer kritisch gesehenen Kontrollinstanz kann als allgemeingültig betrachtet werden“, sagt Menusch Khadjavi, ebenfalls Ko-Autor der Studie und Forscher am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

„In der Vergangenheit war die Fischereiregulierung durch die EU oft halbherzig und nicht sehr wirkungsvoll. Eine transparentere und wirkungsvollere Regulierung dürfte langfristig das Vertrauen der Fischer in die EU steigern. Unsere Studie zeigt, dass die Regulierung dann auch wieder stärker auf die Ehrlichkeit der Fischer zählen könnte“ folgert Martin Quaas.

„Einige der befragten Fischer meldeten zurück, dass sie die Aufgaben der Forscher etwas kindisch fanden“, sagt der Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbandes Dr. Peter Breckling. „Umso erfreulicher ist es, nun zu sehen, welch wichtige Ergebnisse die Studie erbracht hat.“

Dass Berufsfischer grundsätzlich nicht besonders unehrlich sind, zeigt auch ein weiterer Kontrollversuch dieser Studie. Dieser wurde zeitgleich mit Studierenden der Universität Kiel durchgeführt. Weniger als die Hälfte der Teilnehmer berichteten hier ehrlich über ihre Münzwurf-Ergebnisse.
Sebastian Tilch


Original publication:
(iDiv-Wissenschaftler fett gedruckt)

Drupp, M. A., Khadjavi, M., Quaas, M. F. (2019), Truth-telling and the regulator. Experimental evidence from commercial fishermen. European Economic Review. DOI: 10,1016/y.euroecorev.2019,103310

 

Ansprechpartner:

Prof. Martin Quaas
Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätsökonomik
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Universität Leipzig
Tel.: Bitte bei iDiv Medien und Kommunikation erfragen
E-Mail: martin.quaas@idiv.de

 

Prof. Moritz Drupp
Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Universität Hamburg
Tel.: +49 40 42838 6171
E-Mail: moritz.drupp@uni-hamburg.de
Web: www.wiso.uni-hamburg.de/envecon.html

 

Prof. Dr. Menusch Khadjavi
Institut für Weltwirtschaft Kiel
Tel.: +49 (431) 8814-631
E-Mail: menusch.khadjavi@ifw-kiel.de
Web: www.ifw-kiel.de/de/experten/ifw/menusch-khadjavi/

 

Sebastian Tilch
Abteilung Medien und Kommunikation
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Tel.: +49 341 9733197
E-Mail: sebastian.tilch@idiv.de
Web: www.idiv.de/de/gruppen_und_personen/zentrales_management/medien_und_kommunikation.html

 

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