Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Halle-Jena-Leipzig
 
14.09.2016 | TOP NEWS, Medienmitteilung, Biodiversität und Naturschutz

Schäden durch Bären: Nur Mensch bestimmt Häufigkeit

Braunbär im Tatra-Gebirge, Polnische Karpaten (Foto: Adam Wajrak).

Braunbär im Tatra-Gebirge, Polnische Karpaten (Foto: Adam Wajrak).

Ein Bär beim Ausrauben eines Bienenstocks, fotografiert von einer automatischen Kamera im Kantabrischen Gebirge, NW Spanien (Foto: Antonio Ramos, Guardería del Principado de Asturias).

Ein Bär beim Ausrauben eines Bienenstocks, fotografiert von einer automatischen Kamera im Kantabrischen Gebirge, NW Spanien (Foto: Antonio Ramos, Guardería del Principado de Asturias).

Eine Inspektion zur Beurteilung eines Bären-Schadens an einem Bienenstock in den Polnischen Karpaten (Foto: Teresa Berezowska-Cnota).

Eine Inspektion zur Beurteilung eines Bären-Schadens an einem Bienenstock in den Polnischen Karpaten (Foto: Teresa Berezowska-Cnota).

Bärenspur an einem zerstörten Bienenstock in Slowenien (Foto: Miha Krofel)

Bärenspur an einem zerstörten Bienenstock in Slowenien (Foto: Miha Krofel)

In Europa leben zehn Braunbären-Population verteilt auf 24 Staaten  (Karte erstellt von Carlos Bautista).

In Europa leben zehn Braunbären-Population verteilt auf 24 Staaten (Karte erstellt von Carlos Bautista).

Anzahl der Bären vernachlässigbar

Leipzig. Jährlich werden in Europa über 3.200 Kompensationszahlungen für durch Braunbären verursachte Schäden geleistet. Zwischen den verschiedenen Ländern schwankt das Ausmaß der Schadensmeldungen jedoch erheblich. Die Ursache liegt nicht etwa in der unterschiedlichen Anzahl an Bären. Vielmehr sind die menschliche Landnutzung sowie die nationale Gesetzgebung und das Management der Bärenpopulationen entscheidend, so das Ergebnis einer neuen Studie unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Die Forscher plädieren daher für eine vermehrte Zusammenarbeit auf Europäischer Ebene.

 

Große Raubtiere wie der Braunbär Ursus arctos erfüllen eine Schlüsselrolle in vielen Ökosystemen und werden von zahlreichen Menschen bewundert. Doch sie verursachen auch Schäden indem sie Vieh reißen, Bienenstöcke zerstören oder Feldfrüchte verzehren. Um die daraus resultierenden Konflikte zu minimieren, erhalten die betroffenen Menschen in fast allen europäischen Ländern Ausgleichszahlungen, insgesamt über 3.200 Zahlungen pro Jahr. Diese Kompensationen stellen ein wichtiges Instrument zum Schutz des Braunbären und anderer großer Raubtiere dar.

 

Wie viele Ausgleichszahlungen beantragt werden, schwankt jedoch innerhalb des europäischen Kontinents erheblich. So werden in Norwegen rund 900 Ausgleichszahlungen pro Jahr geleistet, in Estland jedoch nur 30 – und das, obwohl in Estland viermal so viele Bären leben wie in Norwegen. Pro Bär ist die Anzahl der Kompensationszahlungen in Norwegen somit 150-mal so hoch wie in Estland. Dies berichtet ein Team aus 23 Forschern und Wildtier-Experten, dem auch Néstor Fernández von Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig angehört, im Journal of Applied Ecology. Die Forscher haben in jenen 26 europäischen Ländern, in denen Braunbären leben, die Anzahl an Bären sowie jene der gemeldeten Schäden und geleisteten Kompensationsazhlungen ermittelt. Insgesamt haben sie fast 18.000 Schadensmeldungen analysiert, die in den Jahren 2005-20012 eingegangen waren.

 

Die Forscher haben untersucht, welche Gründe für die Unterschiede zwischen den Ländern verantwortlich sind. Das überaschende Ergebnis: Die Anzahl der Schadensmeldungen ist unabhängig von der Anzahl der Bären. „Intuitiv würde man einen solchen Zusammenhang vielleicht vermuten. Doch unsere Analysen zeigen: Viele Bären verursachen nicht automatisch viele Schäden. Hingegen haben vom Menschen bestimmte Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die Anzahl der Schadensmeldungen“ erklärt Néstor Fernández. So gibt es weniger Schadensmeldungen in Gebieten, in denen die Bären zugefüttert werden, vermutlich weil Angriffe auf Schaf- und Rinderherden oder Bienenstöcke vor allem bei Nahrungsknappheit auftreten. Auch die menschliche Landnutzung spielt eine wichtige Rolle: Ein hoher Waldanteil und vergleichsweise wenig Agrarflächen wirken sich positiv auf die Schadensbilanz aus. In Wäldern können sich große Bärenpopulationen ungestört ausbreiten und kommen weniger mit Tierherden in Kontakt. Zudem meiden Bären Agrargebiete. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die Bedingungen, unter denen die Kompensationen geleistet werden, entscheidend sind: Einerseits kann es das tatsächliche Ausmaß an Schäden eindämmen, wenn Auszahlungen an präventive Maßnahmen geknüpft sind, etwa Herdenhunde und Stromzäune. Andererseits können die Bedingungen aber auch das Verhältnis von tatsächlichen zu gemeldeten Schäden beeinflussen: Vergleichsweise niedrige Zahlungen und einen hoher bürokratischer Aufwand  in die eine Richtung, mangelnde Überprüfung gemeldeter Schäden in die andere.

 

Eine große Herausforderung derzeit sei, dass die Staaten in Europa unterschiedliche Gesetzgebungen zum Thema Bären hätten, schreiben die Wissenschaftler. „Dies ist besonders problematisch, wenn Bären in Grenzgebieten leben. In den Karpaten zum Beispiel verteilt sich ein und dieselbe Population auf die Slowakei, Polen und die Ukraine“ sagt Fernández. Deswegen sei es wichtig, Entscheidungen auf europäischer Ebene zu treffen und optimalerweise eine einheitliche Gesetzgebung in Europa zu schaffen. Dazu ergänzt Carlos Bautista, Erstautor der Studie: „Ziel der Gesetzgebung sollte es sein, die Braunbären effektiv schützen und gleichzeitig das Ausmaß der durch sie verursachten Schäden zu minimieren. Um dies zu erreichen, muss man berücksichtigen, dass die Häufigket der Meldungen von Bären-Schäden von komplexen, menschengemachten Faktoren bestimmt wird.“ Tabea Turrini

 

Link zu hochauflösendem Bildmaterial:

https://portal.idiv.de/owncloud/index.php/s/JI7V8EIKHF7gGJh

 

Publikation:

Bautista, C., Naves, J., Revilla, E., Fernández, N., Albrecht, J., Scharf, A. K., Rigg, R., Karamanlidis, A. A., Jerina, K., Huber, D., Palazón, S., Kont, R., Ciucci, P., Groff, C., Dutsov, A., Seijas, J., Quenette, P.-I., Olszańska, A., Shkvyria, M., Adamec, M., Ozolins, J., Jonozovič, M. and Selva, N. (2016), Patterns and correlates of claims for brown bear damage on a continental scale. Journal of Applied Ecology. doi:10.1111/1365-2664.12708

 

Finanzierung:

This study was funded by the National Science Center in Poland under agreement DEC-2013/08/M/NZ9/00469. J.A. was funded by the project GLOBE POL-NOR/198352/85/2013 under the Polish-Norwegian Research Programme operated by the National Centre for Research and Development.

 

Weitere Informationen:

 

Dr. Néstor Fernández (Englisch und Spanisch)

Postdoktorand in der Arbeitsgruppe Biodiversität und Naturschutz am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

E-Mail: nestor.fernandez_requena@idiv.de

Mobilnummer auf Anfrage bei der iDiv-Öffentlichkeitsarbeit.

https://www.idiv.de/de/das_zentrum/mitarbeiterinnen/mitarbeiterdetails/eshow/fernandez-nestor.html

 

sowie

Dr. Tabea Turrini (Deutsch und Englisch)

Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit iDiv

Tel.: +49 341 9733 106

http://www.idiv.de/de/presse/mitarbeiterinnen.html

 

iDiv ist eine zentrale Einrichtung der Universität Leipzig im Sinne des § 92 Abs. 1 SächsHSFG und wird zusammen mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Friedrich-Schiller-Universität Jena betrieben sowie in Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ.Beteiligte Kooperationspartner sind die folgenden außeruniversitären Forschungs-einrichtungen: das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ, das Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI BGC), das Max-Planck-Institut für chemische Ökologie (MPI CE), das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA), das Leibniz-Institut Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ), das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB), das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) und das Leibniz-Institut Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz (SMNG).

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